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Literaturhinweise
Rezension Kowalczuk...
Rezension Reichel
Rezension Uhlemann

Text: Dana Schieck

ZUR PERSON

Der Verfasser des Aufsatzes “Jugoslawische Verh├Ąltnisse”? – Die “Brigaden der sozialistischen Arbeit” und die “Syndikalismus”-Aff├Ąre (1959-1962)”, Thomas Reichel, wurde 1967 geboren. Er ist von Beruf Historiker. Thomas Reichel ist Doktorand am Zentrum f├╝r Zeithistorische Forschung Potsdam e.V. (ZZF), das sich vor allem mit der Politik-, Sozial- und Kulturgeschichte der SBZ und der DDR befa├čt. Innerhalb dieser Thematik hat sich Thomas Reichel auf das Gebiet der Arbeiterschaft und der Gewerkschaften spezialisiert. W├Ąhrend des Erscheinens seines im folgenden zu untersuchenden Aufsatzes befand sich ein weiterer in Druck: “Konfliktpr├Ąvention: die Episode der “Arbeiterkomitees” 1956/ 58, in: Peter H├╝bner/ Klaus Tenfelde (Hg.), Arbeiter in der SBZ – DDR”, Essen 1999.

 

ZUR EINORDNUNG DES AUFSATZES

Herrschaft und Eigensinn in der Diktatur B├Âhlau VorderseiteDer Aufsatz ist im Rahmen der vom Zentrum f├╝r Zeithistorische Forschung e.V. (ZZF) herausgebrachten “Zeithistorischen Studien” in der Reihe “Herrschaftsstrukturen und Erfahrungsdimension der DDR-Geschichte” in Band 1: “Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur: Studien zur Gesellschaftsgeschichte der DDR” (S. 45-73) im Jahr 1999 im B├Âhlau-Verlag erschienen.

ISBN: 978-3-412-13598-0

Preis: 39,90 EUR

 

 

Thomas Reichel verweist gleich zu Anfang in einer Fu├čnote auf sein seit 1998 laufendes Dissertationsprojekt ├╝ber “die Brigaden der sozialistischen Arbeit in der Industrie der DDR (1959-1989)”. Diesbez├╝glich stuft er seinen Aufsatz als ein “(Zwischen-)Ergebnis” ein.

 

INHALT DES AUFSATZES

Der Aufsatz gliedert sich in 7 Kapitel.

Auftakt seiner Ausf├╝hrungen im 1. Kapitel “Einleitung: Kontext Ende der f├╝nfziger Jahre” ist eine Parole Walter Ulbrichts aus dem Jahre 1958, in der das Ziel formuliert wird, die “├ťberlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung der DDR gegen├╝ber der Herrschaft der imperialistischen Kr├Ąfte im Bonner Staat”1 zu erreichen. Ende der f├╝nfziger Jahre befand sich die DDR in einer Phase der Konsolidierung. Die Erh├Âhung der Arbeitsproduktivit├Ąt r├╝ckte nun ins Blickfeld, zumal die L├Âhne stetig angehoben worden waren. Mittels der von Ulbricht erdachten “10 Gebote der sozialistischen Moral”2 und Wettbewerbskampagnen wollte man die Arbeiterschaft motivieren, h├Âhere Leistungen zu erbringen. Dabei geriet der FDGB als Befehlsempf├Ąnger der SED und Vertreter der Arbeiter in einen Interessenkonflikt. In diesem Zusammenhang startete im Jahr 1959 die Kampagne “Brigade der sozialistischen Arbeit”, in der sich die teilnehmenden Arbeiter dazu verpflichten mu├čten, “nicht mehr nur sozialistisch arbeiten, sondern auf eben diese Weise auch lernen und leben zu wollen.”3 Allerdings beteiligten sich zahlreiche Brigaden aus rein praktischen Gr├╝nden: Es stand eine bevorzugte Materialversorgung in Aussicht und dar├╝ber hinaus eine st├Ąrkere Einbindung in die betriebliche Leitung. Thomas Reichel gibt an, da├č Ende 1959 “ca. 60.000 Brigaden mit rund 700.000 Mitgliedern erfa├čt”4 waren.

Im 2. Kapitel “'Den Brigaden gr├Â├čere Rechte' – Forderungen von SED- und FDGB-Funktion├Ąren” kommt Reichel auf die Reformversuche in der 2. H├Ąlfte der 1950er Jahre zu sprechen. Ziel der Reformversuche war eine “'st├Ąrkere Teilnahme der Werkt├Ątigen' am Proze├č der Planung und Leitung der Volkswirtschaft”5 In den Diskussionen um Verbesserungen der Produktivit├Ąt taten sich unter anderem Erich Apel als Mitglied des ZK und Leiter der Wirtschaftskommission beim Politb├╝ro der SED, Rudi Rubbel, Mitarbeiter des FDGB -Bundesvorstandes und der Arbeitsrechtler Roland Schmutzler mit Zeitungsartikeln hervor. Darin forderten sie beispielsweise f├╝r die Brigaden das Recht der eigenst├Ąndigen Normbestimmung oder gewisse disziplinarische und personaltechnische Befugnisse.

Im 3. Kapitel “'Wir machen keine neuen Strukturver├Ąnderungen!' – Die SED-F├╝hrung blockt ab” beschreibt Reichel die Reaktion der SED. Walter Ulbricht vergleicht die Neuerungsideen mit einer “Art jugoslawischer 'Selbstverwaltung'”6 und kritisiert sie als syndikalistisch. Die Partei bef├╝rchtete eine Beschneidung ihrer zentralistischen Macht und forderte die Ideengeber Erich Apel, Rudi Rubbel und Roland Schmutzler auf, sich von ihren ├äu├čerungen zu distanzieren. Brigaden, die den Gedanken der gr├Â├čeren Eigenverantwortung versuchten, in die Tat umzusetzen, wurden nicht angegriffen. Allerdings geriet wieder einmal der FDGB in die Kritik der SED.

Das 4. Kapitel tr├Ągt die ├ťberschrift “Die BdsA-Kampagne im Betriebsalltag”.

Bereits Anfang 1959 stellte der FDGB fest, da├č zwar sozialistisch gearbeitet werde, aber dar├╝ber hinausreichende Initiativen der Brigaden sich “in Grenzen”7 hielten, zum Beispiel die “Bereitschaft, auch auf gesellschaftlich-politischem Gebiet das Wissen zu vervollkommnen”8 oder sozialistisch zu leben. In seinen Ausf├╝hrungen nennt Reichel Beispiele aus dem Stahl- und Walzwerk Brandenburg. Die Brigade “Gl├╝ck auf” fiel negativ auf, da 3 Kollegen betrunken zur Arbeit erschienen waren. Die Jugendbrigade “Willy Becker” hingegen erhielt den Titel “Brigade der sozialistischen Arbeit”. Diese Brigade hatte im “Nationalen Aufbauwerk” (NAW) Erntehilfe geleistet und ein Zeltlager f├╝r ihre Patenklasse errichtet. Reichel stellt fest, da├č dieses Engagement aber wahrscheinlich mehr aus pers├Ânlichem Interesse denn politischer ├ťberzeugung der Arbeiter geschah.

Die Teilnahme einer Brigade am sozialistischen Wettbewerb konnte eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen bewirken. Dies erzeugte Widerstand gegen die BdsA-Kampagne. Trotz der hohen Beteiligung von Brigaden am Wettbewerb wurden nur wenige von ihnen tats├Ąchlich ausgezeichnet. Schlie├člich wurden auch die Pr├Ąmien gek├╝rzt. Mit der Zeit sank die Bereitschaft, sich zu engagieren. Unter dem Motto “sozialistisches Lernen”9 hatten die Arbeiter die M├Âglichkeit, sich neben dem Beruf weiterzubilden und in eine h├Âhere Lohngruppe aufzusteigen. Allerdings stie├č dieses Angebot auf wenig Interesse. Die Brigadebewegung barg auch negative soziale Entwicklungen: Teilweise wurden ├Ąltere Arbeiter und Frauen nicht in die Brigade aufgenommen, da man eine Hemmung der Produktionssteigerung bef├╝rchtete. Ebenfalls nachteilig war die Entwicklung, da├č man sich in das Privatleben der Arbeiter einmischte.

Im 5. Kapitel “'Jugoslawische Verh├Ąltnisse' in den Betrieben?” benennt Reichel die vermutlich syndikalistischen Brigaden auf “ca. ein Dutzend”. Diese Brigaden, z.B. aus dem “Karl-Marx”-Werk Babelsberg, erwarben umfangreiche Befugnisse. Unter anderem entsendeten sie Vertreter, die an den w├Âchentlich stattfindenden Werkleitersitzungen teilnahmen. Der SED mi├čfiel das gesteigerte Mitspracherecht der Brigaden. Es richtete sich gegen ihren unbeschr├Ąnkten “Lenkungs- und Kontrollanspruch”10.

Kapitel 6 “Die ersten ausgezeichneten 'Brigaden der sozialistischen Arbeit'” r├Ąumt zu Beginn ein, da├č von einer Beleuchtung von Beispielen nicht auf die gesamte Wettbewerbsbewegung geschlossen werden kann. Dar├╝ber hinaus ist zu ber├╝cksichtigen, da├č die Brigaden, ├╝ber welche ausf├╝hrliche Berichte vorliegen, wahrscheinlich nicht die “Norm”11 widerspiegeln, sondern negativ aufgefallen sind. Reichel geht auf 2 Brigaden genauer ein:

In die Brigade “Patrice Lumumba” im Eisenh├╝ttenkombinat Ost wurden “schwierige Charaktere” integriert, da man annahm, die Brigade sei in ihrer politischen und gesellschaftlichen Einstellung einwandfrei. Dennoch wollten 2 Mitglieder in den Westen fl├╝chten. Ihr Vorhaben wurde vereitelt und ausf├╝hrlich untersucht. Als Hauptgrund f├╝r den Fluchtversuch wurde die “Fluktuation innerhalb der Parteigruppe und unter den Brigademitgliedern”12 genannt. F├╝r die “viele(n) Erscheinungen der politischen und moralischen Aufweichung”13 wurde seitens der BPKK die APO-Leitung verantwortlich gemacht.

Die 2. Brigade ist die Brigade “Willy Becker” aus dem Stahl- und Walzwerk Brandenburg. Auch in dieser Brigade war die Bereitschaft, sich politisch “korrekt” zu verhalten, nur m├Ą├čig vorhanden. Ziel der APO-Leitung war deshalb, “da├č alle Genossen 100%ig und mindestens 70% aller Brigademitglieder an den Parteischulungen teilnehmen.”14 Um gesellschaftliche Aktivit├Ąt zu beweisen, wurden Jugendliche der Brigaden “├╝berredet”, in die Armee einzutreten.

Im Anschlu├č an diese Ausf├╝hrungen stellt Thomas Reichel ein Gedicht vor, da├č den Widerspruch zwischen realem Alltag im Betrieb und den Bestrebungen der Partei aufzeigt.

Das 7. Kapitel “Fazit” fa├čt noch einmal die Erkenntnisse der vorangegangenen Kapitel zusammen.

 

Untersuchung des 4. Kapitels: “Die BdsA-Kampagne im Betriebsalltag”

Dieses Kapitel beleuchtet die Umsetzung der Brigade-Wettbewerbs in den Betrieben. Eine kurze Inhaltsangabe findet sich im vorangegangenen Abschnitt “Inhalt des Aufsatzes”.

Reichel er├Âffnet das Kapitel mit einer Feststellung des FDGB vom 13.1.1959, da├č eine “zu starke Orientierung auf den ersten Teil (sozialistisch arbeiten)”15 vorliege, wenngleich “zur Beseitigung der Verlustzeiten und zur Steigerung der Arbeitsproduktivit├Ąt”16 nur wenige Bem├╝hungen zu verzeichnen seien. Auch auf politisch-gesellschaftlichem Gebiet wurde mangelnde Bereitschaft der Arbeiter kritisiert. Bez├╝glich der “Zehn Gebote” Walter Ulbrichts fehle es an “konkreten Verpflichtungen”17.

Diesem Untersuchungsergebnis schlie├čen sich Einzelbetrachtungen einiger Brigaden des Stahl- und Walzwerks Brandenburg (SWB) an. In diesem Betrieb meldeten sich kurz nach dem Aufruf der Bitterfelder “Mamai”-Brigade die Jugendbrigade vom Siemens-Martin-Ofen und die Brigade “Gl├╝ck auf”. Letztere entsprach allerdings nicht dem Ideal einer sozialistischen Brigade, so da├č sie Gegenstand eines Artikels mit der ├ťberschrift “Sozialistisch zu leben ist das Schwierigste” wurde. Reichel schildert die Hintergr├╝nde: 3 Mitglieder der Brigade waren betrunken zur Arbeit erschienen. Dies hatte eine Produktionsminderung um 75 Prozent zur Folge. Der Brigadeleiter wollte die Angelegenheit diskret behandeln, wurde aber durch die Parteileitung daran gehindert. Sie wollte die Sache in einer Belegschaftsversammlung besprechen. Schlie├člich wurden gegen die 3 Mitarbeiter drastische Strafen verh├Ąngt, das hei├čt Pr├Ąmienentzug f├╝r 2 bis 4 Monate. Ein Mitarbeiter wurde sogar f├╝r einen Monat in eine niedrigere Lohngruppe versetzt und zu Strafarbeit gezwungen. Reichel stellt die Vermutung an, da├č hierf├╝r “nicht allein der Erziehungswille besonders beflissener SED-Genossen ausschlaggebend gewesen”18 sei. Er ist der Auffassung, da├č in gleichem Ma├če die Kollegen die Bestrafung bewirkten.19 Sicher ist es richtig, wenn er feststellt, da├č die gesamte Brigade “Lohn- bzw. Pr├Ąmieneinbu├čen bef├╝rchten”20 mu├čte. Allerdings steht die Haltung des Brigadeleiters der Behauptung Reichels gegen├╝ber, da├č bei solchen Vergehen “die Freundschaft aufh├Ârte”21.

Im Gegensatz zu dieser Brigade stellt Reichel die Jugendbrigade “Willy Becker” vor, die dem Ideal einer sozialistischen Brigade nahe kam. Sie war nach Reichels Ausf├╝hrung die “zun├Ąchst einzige”22 Brigade des SWB, was darauf schlie├čen l├Ą├čt, da├č ihr weitere folgten. Reichel gibt an, da├č die Brigade wegen ihrer “gesellschaftlichen” Arbeit auffiel. Sie arbeitete 192 Stunden im “Nationalen Aufbauwerk”, half beim R├╝benziehen und bei der Heuernte. Reichel behauptet, diese Arbeit sei freiwillig geleistet.23 Er begr├╝ndet dies damit, da├č die Hilfe bei der Ernte f├╝r die Arbeiter selbstverst├Ąndlich gewesen sei, weil sie diese in ihrem eigenen Dorf t├Ątigten.24 Wie Reichel richtig bemerkt, w├╝rde das voraussetzen, da├č gegenseitige Hilfe in diesem Dorf ├╝blich war.25 Dies kann durchaus zutreffend sein, doch darf meines Erachtens nicht die Beeinflussung durch die brigadeinterne Parteigruppe und der indirekte Leistungsdruck durch die Brigadebewegung ├╝bersehen werden. In diesem Kontext mu├č auch die Initiative beim Zeltlager f├╝r die Patenklasse verstanden werden. Daher halte ich die Einsch├Ątzung Reichels f├╝r ├╝bereilt, wenn er sagt, das Engagement sei “glaubhaft”26 und die Brigade sei “teilweise bereit”27 gewesen, “”sozialistisch” zu arbeiten und zu leben”28. Interessanterweise gibt Reichel selbst einen Hinweis f├╝r die nicht freiwillig geleisteten NAW-Stunden: Bei Teilnahme hatten die Arbeiter beispielsweise Aussicht auf eine bessere Wohnung. Dieses Faktum l├Ą├čt er bei seiner Einsch├Ątzung au├čer Acht.

Im n├Ąchsten Abschnitt bemerkt Reichel, da├č sich durchaus Brigaden, darunter vor allem Jugendbrigaden, finden lassen, die sich “tats├Ąchlich engagierten”29. Auch hier liegt, wie Reichel vermutet30, die Initiative der ├╝bergeordneten Organisation nahe, bei den Jugendbrigaden war dies die FDJ. Reichel l├Ą├čt diesen Umstand unber├╝cksichtigt und verweist auf Notwendigkeit von Untersuchungen auf diesem Feld31. Er f├╝hrt lediglich weiter aus, da├č die Leistungssteigerungen in diesen Brigaden zu einem gest├Ârten Verh├Ąltnis zu den ├╝brigen Brigaden zur Folge haben konnten. Solch engagierten Brigaden galten bei anderen als “Normbrecher”32. Reichel zieht dabei den Vergleich zur “Aktivistenbewegung” Ende der 1940er Jahre. Damals seien Arbeiter wie Adolf Hennecke33 nicht gut angesehen gewesen. Dem ist zuzustimmen. Ob Reichel Adolf Hennecke als Rekord-Arbeiter allerdings zu Recht nennt, oder ob ├äu├čerungen der Presse wahr sind, da├č die Angaben ├╝ber Henneckes erbrachte Leistungen zu DDR-Zeiten “frisiert” wurden, w├Ąre zu pr├╝fen.

Im folgenden Abschnitt gibt Reichel an, da├č die SED-Betriebsorganisation nach 1950 aktiv am Wettbewerb mitwirkte. Ihr Ziel war die Beseitigung von “'noch vorhandenen M├Ąngel[n]'”34. Reichel geht nicht explizit auf die Art der M├Ąngel ein. Es folgen Angaben, wie die Partei ihr Ziel erreichen will. Beispielsweise sollten neue Mitglieder f├╝r die SED geworben werden.

Reichel schildert anhand eines Beispiels, da├č die Arbeiter einer sich am Wettbewerb beteiligenden Brigade Arbeitsvorteile herausschlagen konnten. So erhielt eine Spinnerei auf ihren Wunsch hin bessere Spindelschnuren. Dadurch konnten die Arbeiter die Produktion steigern und erhielten mehr Lohn.

Solche Bevorzugungen f├╝hrten allerdings bald zur Forderung, alle Brigaden gleich zu behandeln, ansonsten sei der BdsA-Wettbewerb abzubrechen.

Neben der Aussicht auf verbesserte Arbeitsbedingungen waren nach Reichels Auffassung auch hohe Pr├Ąmien Ansporn zur Teilnahme am Wettbewerb. Reichel gibt an, da├č Ende 1959 die Auszeichnung “Brigade der sozialistischen Arbeit” zur staatlichen erkl├Ąrt, und die Pr├Ąmie auf ungef├Ąhr 500 Mark festgelegt wurde. Da die H├Âhe einer solchen Pr├Ąmie einem Monatseinkommen entsprach, ist Reichels Annahme sehr wahrscheinlich zutreffend. Reichel schildert weiter, da├č schon in den 1960er Jahren die Pr├Ąmien gek├╝rzt wurden und gemessen an der starken Beteiligung nur wenige Brigaden ausgezeichnet wurden. Reichel untermauert seine Aussage mit genauen Zahlen: Am 7.10.1959 wurden 103 Brigaden ausgezeichnet von insgesamt “knapp”35 60000 Kollektiven. Dies hatte einen Beteiligungsr├╝ckgang zur Folge.

Reichel geht im n├Ąchsten Abschnitt auf das Angebot zur Weiterbildung ein. Arbeiter sollten die M├Âglichkeit erhalten, sich zu qualifizieren . Wie Reichel richtig folgert, bestand damit die Aussicht, “in h├Âhere Lohngruppen aufsteigen sowie interessantere und k├Ârperlich weniger schwere T├Ątigkeiten aus├╝ben zu k├Ânnen.”36 Reichel vermutet, da├č es dennoch eine zahlenm├Ą├čige Kluft gab zwischen Interessierten und denen, die das Angebot tats├Ąchlich wahrnahmen. Er f├╝hrt an dieser Stelle die Aussage eines Mitarbeiters der Betriebsakademie des SWB an, die 1959 in der Betriebszeitung erschien. Danach soll “ein Gro├čteil der Kollegen 'keine Lust mehr zum Studieren'”37 gehabt haben. Da Reichel diese Aussage weder in eine kurze Inhaltsangabe des Artikels bettet noch den Anla├č benennt, bleibt offen, welcher Wert dem Zitat hierbei zukommt.

Im weiteren thematisiert Reichel “von FDGB- und SED-Funkton├Ąren als '├ťberspitzungen' bezeichnete Erscheinungen”38. Sie warnten davor, Frauen, Alte oder Trinker aus den Brigaden auszuschlie├čen und junge M├Ąnner bei der Einstellung zu bevorzugen. Ebenfalls abgeraten wurde von Verpflichtungen, ausschlie├člich im Kollektiv ins Theater zu gehen oder sich in die Privatsph├Ąre der Mitarbeiter zu mischen. Dennoch bestanden Unsicherheiten seitens der Arbeiterschaft, wie weit die BdsA-Kampagne ihr Privatleben tangieren d├╝rfe. Beispielsweise wurde gefragt, ob Arbeiter “'sich sozialistisch trauen […] und ihre Kinder die sozialistische Jugendweihe haben' m├╝├čten”39.

Schlie├člich fa├čt Reichel die Reaktionen der Arbeiter auf die BdsA-Kampagne zusammen und stellt fest, da├č diese “recht unterschiedlich”40 waren. Die Bandbreite reiche von striktem Befolgen aller Weisungen, ├╝ber eingeschr├Ąnkte Beteiligung, zum Beispiel bei m├Âglichen pers├Ânlichen Vorteilen, bis hin zur Ablehnung aufgrund der ideologischen Vereinnahmung des Individuums.


Gr├Â├čtenteils ist das Kapitel inhaltlich schl├╝ssig. Einige Behauptungen sind angreifbar, zu nennen w├Ąren die Thesen zur Freiwilligkeit der NAW-Stunden oder zur Unwilligkeit des Arbeiters bez├╝glich einer Weiterbildung. Abgesehen von der mangelhaften Angabe zur Quelle des Artikels in der Brigadezeitung sind die Anmerkungen des Autors hervorragend. Sie reichen von der einfachen Quellenangabe ├╝ber vertiefende und erhellende Angaben bis hin zu Vermutungen und Anregungen f├╝r zuk├╝nftige Untersuchungsfelder. Diesbez├╝glich ist die Frage ├╝ber die Bedeutung der FDJ bei der Beteiligung von Jugendbrigaden am Wettbewerb zu nennen. Der Autor verwendet zahlreiche Prim├Ąrquellen, das hei├čt unter anderem Materialien der SED, FDJ, des FDGB und Betriebszeitungen – “Roter Stahl”. Die Art der Quellen umfa├čt unter anderem Protokolle, Informationsberichte und Kommentare einzelner Personen. An Sekund├Ąrliteratur ├╝ber die DDR ist auf Publikationen der letzten 10 Jahre zur├╝ckgegriffen worden, so da├č auf einen aktuellen Forschungsstand und eine Wertung ohne Einflu├č des Kalten Krieges geschlossen werden kann.

Die Sprache ist einfach und verst├Ąndlich. Eigennamen wie beispielsweise “Stahl- und Walzwerk Brandenburg” oder “Nationales Aufbauwerk” werden bei erstmaliger Verwendung ausgeschrieben und im weiteren Verlauf mit ihrer offiziellen Abk├╝rzung genannt. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, da├č sich im Anhang des Bandes “Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur: Studien zur Gesellschaftsgeschichte der DDR”, in dem der Artikel erschienen ist, ein Abk├╝rzungsverzeichnis (Seite 349-352) befindet. Der Bau der S├Ątze erm├Âglicht fl├╝ssiges Lesen und wird durch Einflechtung von Zitaten glaubhaft und lebendig. Auch die Strukturierung der Ausf├╝hrungen ist logisch und unterst├╝tzt das Verst├Ąndnis des Gesagten.

Insgesamt ist die Lekt├╝re sehr zu empfehlen.

 

WEITERE LITERATUR ZUM THEMA

  1. Gibas, Monika, “Die DDR – das sozialistische Vaterland der Werkt├Ątigen!” Anmerkungen zur Identit├Ątspolitik der SED und ihrem sozialistischen Erbe, in: Bundeszentrale f├╝r politische Bildung (Hg.), Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 39-40/ 99, S 21-30.

  2. Roesler, J├Ârg, Probleme des Brigadealltags. Arbeitsverh├Ąltnisse und Arbeitsklima in volkseigenen Betrieben 1950-1989, in: Bundeszentrale f├╝r politische Bildung (Hg.), Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 38/ 97, S. 3-17.

  3. Roesler, J├Ârg, Jugendbrigaden im Fabrikalltag der DDR 1948-1989 in: Bundeszentrale f├╝r politische Bildung (Hg.), Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 28/ 99, S. 21-31.

     

 

Fu├čnoten:

1 S. 57.
2 S. 57.
3 S. 57.
4 S. 57.
5 S. 57.
6 S. 57.
7 S. 57.
8 S. 57.
9 S. 56.
10 S. 56.
 

11 S. 57.
12 S. 57.
13 S. 58.
14 S. 59.
15 S. 60.
16 S. 60.
17 S. 60.
18 S. 60.
19 S. 60.
20 S. 45.

31 S. 64.
32 S. 65.
33 S. 68.
34 S. 55.
35 S. 55.
36 S. 55.
37 S. 56.
38 S. 56.
39 S. 56.
40 S. 56
.

21 S. 46.
22 S. 47.
23 S. 47.
24 S. 48.
25 S. 52.
26 S. 55.
27 S. 55.
28 S. 60.
29 S. 62.
30 S. 63.